Animated Matter
28 Dezember 2021

Animated Matter
(10.9.–03.10.2021)
Kuratiert von  Mathis Pfäffli

Künstler*innen:

1 Matheline Marmy   2 Micha Zweifel   3 Hammer Band (Raphael Stucky & Res Thierstein)  4 Anna Bak   5 Lisa Lurati   6 Manuel Schneider

 

Im Herbst 2021 eröffneten wir in St-Imier rund um die Künstler*innenresidenz La Dépendance eine Gruppenausstellung, ich habe sie in meiner Rolle als eingeladener Kurator „Animated Matter“ (beseelte Materie) genannt.
Es ist zum besseren Verständnis angebracht, auch in diesem Schlussbericht, la Dépendance kurz zu erklären. Im foldenden Abschnitt beschreibt Jan Van Oordt was diese kleine Institution leisten soll. La Dépendance beherbert ein saisonales Residenzprogramm für eingeladene Künstler*innen, das normalerweise von Mai bis Oktober dauert. Koexistenz, Storytelling und aktiver Rückzug sowie Ränder, Offstream- oder Interdependenz und Beziehungen zur ‚Natur‘ bilden die Arbeitsterminologie im Orbit des Hauses.
La Dépendance möchte informelle Zusammenkünfte und Gespräche ermöglichen, indem sie an der Schwelle zwischen privatem und öffentlichem Raum 
operiert. Dabei steht eher ein Raum des experimentellen Erkennens, als der Produktion im Zentrum.

Als ehemaliger Bewohner, kenne ich den Ort gut und habe mir vorgenommen, mich mit dieser Gruppenausstellung auch mit diesem Ort, als Terrain, aber auch als Idee auseinanderzusetzen.

Im Saalblatt (oder in diesem Fall wohl besser als Feldblatt bezeichnet) habe ich den Einstieg in unsere Ausstellung derart formuliert: Was ist La Dépendance und was macht sie zu dem Ort, der sie ist? Jan Van Oordt hat hier in den letzten Jahren Künstlerinnen und Künstler zusammengebracht, die ihn interessieren und die sicherlich auch thematisch in eine ähnliche Richtung arbeiten wie er selbst. Seine Gastfreundschaft und die Ausgestaltung von La Dépendance als Residenz haben zu einem regen Austausch geführt. Viele der Beteiligten sind oft zu Gast, und die Gespräche werden auch ausserhalb von La Dépendance in anderen Kontexten fortgesetzt. Irgendwie hat sich Jans Idee etwas verselbstständigt und für mich, und vielleicht ebenso andere, ist hier ein Denkraum entstanden, der mich oft auch an andere Orte hin begleitet.

Genauso wie La Dépendance, ist auch „Animated 
Matter“ ein Moment in einem Prozess.

Als wir vor einem halben Jahr damit begonnen haben, hatten viele der Involvierten noch nicht oder erst wenig von La Dépendance gehört. Über die Zeit entstand ein Austausch, über Zooms, Treffen vor Ort, Emails und erzählte Geschichte, durch den die Künstler*innen den Ort und die Atmosphäre kennenlernen konnten. Die Arbeiten schliesslich, sind während einigen verstreuten Tagen im Sommer und Frühherbst 2021 hier vor Ort und für La Dépendance entstanden.

Das Ergebnis ist eine Ausstellung in welcher der Umgang mit Materie Teil des Inhalts wird. Zeit spielt in diesen Arbeiten eine Rolle, auch Sagenhaftes und Erzähltes. Zeit als Kraft und als Ordnungsprinzip. Ich erkenne einen beinahe animistischen Umgang mit Material, und ich spüre wie wichtig dessen Eigenschaften in diesen Arbeiten sind. Ich finde Bedeutungen, die sich über die Zeit verändern können. Als kleines Beispiel dient mir hier die Arbeit von Micha Zweifel, welche die Feuerstelle im Vorgarten des kleinen Hauses durch ein in Bronze gegossenes Stück Holz ergänzt. Ich stelle mir dabei vor, wie dieses Objekt die Dépendance überdauert und kontextlos die zukünftigen Findenden überrascht. Archäologie und die Zyklen der Natur scheinen mir dabei schon mitgedacht.
Ich finde wenig absolute Antworten, eher instabile Fragen. Und doch wird diese Ausstellung Spuren hinterlassen.Wenn sie lange genug bleiben, fallen sie vielleicht später jemandem auf und werden dabei etwas völlig Neues. Darüber könnte „Animated Matter“ etwas erzählen.

Ich hoffe es funktioniert.

Wenn ich in diesem Text von einem Prozess spreche meine ich damit die ganze Arbeit von unserer ersten Begegnung als Gruppe bis hin zum ausfransenden Ende der Ausstellung.

Als kuratorische Methode, habe ich mich gegen Studiobesuche und direktes Auswählen von Arbeiten entschieden und stattdessen eine Form von Storytelling gewählt. Vom ersten Treffen an, habe ich mit verschiedenen Formen versucht, ein Gefühl zu vermitteln, welches ich mit „Animated Matter“oder eben ‚beseelter Materie‘ verbinde.
Die selben Geschichten wurden dann auch zur Illustration in der Vermittlung dieser Ausstellung verwendet.

Eine Geschichte, die ich an der Eröffnung der Ausstellung erzählt habe ist die folgende:
Ich suche nach einem Gefühl, das ich nicht genau beschreiben kann.

Einmal, ich war noch ein Kind, besuchten wir eine Ausstellung mit prähistorischer Kunst, ich glaube das war während den Herbstferien in Athen. Wir wollten die Zeit auf der Insel Andros mit einer befreundeten Familie in einem abgelegenen weissen griechischen Steinhaus verbringen, fuhren dann aber für ein paar Tage noch nach Athen und besuchten dort viele abgetretene weisse Felsen und eben jene Ausstellung über die prähistorische Kykladen Kultur. Es wurde dort auch eine Auswahl von deren typischen Figürchen, den Idolen, die man sonderbarerweise fast zur Gänze nur in zerschlagenem, zerstörtem Zustand gefunden hat, gezeigt. Sie lassen mich bis heute nicht in Ruhe.

Auch die Erwachsenen verhielten sich damals ihnen gegenüber komisch.

Mich faszinierte ihr fast transparentes Weiss, noch nie hatte ich zuvor so ein Weiss gesehen, es erinnerte mich ein wenig an den Ton meiner ausgefallenen Milchzähne. Und die Formen, diese fliessenden fast perfekten Formen. Sie mussten unglaublich glatt sein. Waren sie warm? Oder sehr kalt? Sie sahen leicht aus, doch ich vermutete sie waren im Gegenteil, sehr schwer. Ich wollte sie anfassen, aber sie waren geschützt hinter einem dicken Glas.
Ich hätte sie geleckt.
Ich hätte sie gestohlen und unter meinem Bett versteckt.
Aber eigentlich wusste ich nicht, was sie von anderen Gegenständen in meinem Leben unterschied.
Sie hatten nichts mit meinem Leben zu tun, so alt waren sie. Dann erinnere ich mich an eine Wanderung, die wir unternahmen, als ich vielleicht sieben oder acht war. Früh morgens mussten wir aufstehen, um uns für den Tag vorzubereiten. Mein Vater strich Brote, meine Mutter kochte Tee. In meiner Erinnerung packten wir entweder einen Beutel Buchstabensuppe oder eine Dose Tomatenravioli ein, um mittags etwas Warmes zu kochen. Sackmesser, Sportmint, Ovo-Sport, und Landjäger.
Schliesslich starteten wir in irgendeinem Graubündner Dorf, ich kann mich nicht mehr erinnern welches, stapften die ersten kurvigen Strassen hoch, bis ein kleiner Wanderweg abzweigte und über eine steinige Wiese in den Wald führte.
Vermutlich vermische ich viele Wanderungen zu einer einzigen Erfahrung.
Ich erinnere mich an spröde graue Geröllfelder, an kräftige Berggräser, Disteln, dazwischen getrocknete Fladen aus Kuhmist. Irgendwo kochten wir etwas auf einem Felsblock und schauten knorrige Bergbäume an und die Sonne brannte auf meinen gelben Sonnenhut.

Wir hatten ein Ziel für die Wanderung, wir wollten einen grossen Schalenstein suchen.

Während wir Suppe schlürften oder in der Pfanne nach Ravioli stocherten, sprachen meine Eltern über diese Steine, die man an vielen Orten findet, in welche Menschen vor langer Zeit Zeichnungen eingeritzt haben. Manchmal Ringe, manchmal Strichmenschen, oft Löcher, Schalen. Das muss furchtbar lange gedauert haben, dieses Einritzen. Die Menschen hatten schliesslich damals noch keine Schlagbohrmaschinen, vermutlich sogar noch nicht einmal Metallwerkzeuge. Sie mussten also tage-, ja wochenlang mit Steinen auf Steine hauen, damit die Rillen und Löcher tief genug wurden, um bis heute sichtbar zu bleiben.

Später führte uns der Weg entlang einer Krete im Wald. An einer bestimmten Stelle fingen die Erwachsenen an, den Boden und die Steine genauer zu betrachten. Bald fanden wir eine erste Platte, übersäht mit Gravuren, Ringen und Löchern. Je länger wir suchten desto mehr fanden wir, teilweise war etwas Moos darüber gewachsen, oder ein Haufen Tannennadeln verbarg die Spuren. Wir standen auf einer uralten Zeichnung. In meiner Erinnerung ist sie riesig und mäandriert zwischen den Bäumen durch den Wald, ähnlich einem Bach, oder einem Schneefeld.

Wofür dieser Ort wohl gedacht war? Von den andern schien es auch niemand nicht zu wissen. Niemand könne es wissen, sagten sie mir. Aber eindeutig wichtig musste es sein. Der Ort gab mir ein tiefes, unbestimmtes Gefühl. Sicher hat es lange gedauert bis diese vielen, vielen Löcher gemacht waren. Mir war klar, dass ich an einem Ort stand, der für einige Menschen vor langer Zeit unendlich wichtig war, so wichtig, dass er für mich immer noch spürbar zu vibrieren schien. Ich fühlte etwas, obwohl mir niemand sagen konnte, was das alles überhaupt war, wofür und warum.

Meine Mutter hatte sich wohl etwas vorbereitet, und meinte, dass die Schalen vielleicht dazu verwendet wurden, um Blut von Tieren zu sammeln, eine Opferstätte vielleicht. Oder, meinte sie, vielleicht füllten die Menschen die Löcher mit Ölen oder Fetten, steckten Dochte hinein und entzündeten die Lichter, dabei suchte sie etwas im Rucksack. Sie zog eine Flasche Olivenöl heraus und einen Kerzendocht. Wir füllten eine dieser Schalen mit Öl und bastelten eine Vorrichtung aus einem Ast, damit der Docht schön aus dem Öl ragen konnte. Es dauerte etwas, bis wir es anzünden konnten, dann jedoch brannte das Licht. Es war ein kleines unscheinbares Kerzchen, schliesslich war es auch später Nachmittag und das Kerzenlicht musste sich gegen die Sonnenflecken am Waldboden behaupten. Ich versuchte mir vorzustellen es wäre Nacht und alle Schalen wären gefüllt mit Fett und überall würden Dochte brennen.

Es sähe aus wie ein Sternenhimmel, einer mitten im Wald.

Letztes Jahr, als Jan und ich zum ersten Mal über die Ausstellung sprachen, stand ich am Abend mit ihm und Manuel auf der Krete wo heute die Räder stehen. Dieser Tage, stand in allen Zeitungen geschrieben, dass man nachts die neuen Satelliten sehen könne. Wir hatten uns einen Wecker gestellt und machten uns zur besagten Zeit auf zu einem Spaziergang auf den Hügel. Und tatsächlich exakt um zehn Uhr dreizehn, schoss eine Lichterkette über den Nachthimmel. Die Wolken, hinter denen sie ab und an verschwand, schienen zu glühen, so hell waren die einzelnen Punkte. Es sah aus, wie ein Schnellzug oder eine Autobahn am Nachthimmel.
In dem Moment fiel mir die Wanderung wieder ein, der Sternenhimmel am Waldboden und das Gefühl, das mir dieser Ort gab.

Vielleicht erklärt diese Geschichte auch, warum mein ‚Saaltext‘ mit der Bemerkung, ich hoffe es funktioniert, endet. Was nämlich von uns als sowas wie transgenerationale Weitergabe in der Materie zurückbleibt, ist schwer absehbar. Und trotzdem kann es eine Motivation und Absicht zeitgenössischer Künstler sein, kommunizierende Gegenstände zu produzieren.

Wer danach welche Botschaft daraus liest wird die Zeit zeigen.

Mathis Pfäffli; Dezember 2021

Werke:

1
Matheline Marmy
Solid Wavers, 2021
Stainless steel, copper wire, tin
appx. 250×15×15cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2
Micha Zweifel
Switch , 2021
Bronze, in a fire place
40×20×15cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3
Hammer Band (Raphael Stucky & Res Thierstein)
Props for the performance Fiolle that took place on  september 19th 2021

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4
Anna Bak
«The moon became the minute hand,
the seasons the hour hand.» 2021
Grass, textile/linen, cord.
160×130cm / 140×210cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

5
Lisa Lurati
Cielo graffetta, un omaggio, 2021
Cut grass and engraved copper

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

6
Manuel Schneider
Untitled (The Moon Is Not
Acceptable), 2021
Concrete, steel, cloth, wire
variable dimensions

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

First visit in spring

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Visit from Rico Scagliola and Sadie Plant with a class from ZHDK